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Ich stelle Telefon und andere Verbindungen ab und møchte eigentlich schon Anfang Woche abreisen, aber P findet, ich solle die Werkstatt noch aufräumen und alles auf möglichst kleinem Platz zusammenstellen. Am Freitag kommt P und erklärt, ein wichtiger Brief sei für mich gekommen. Die Norwegische Botschaft schreibt, dass sie mein Aufenthaltsgesuch nun bearbeiten wolle. Ich entschliesse mich, trotzdem, wie geplant, abzureisen, da eine mögliche Bewilligung kaum noch in diesem Jahr kommen würde, ich aber den Behörden versprochen habe, die Schweiz noch in diesem Jahr zu verlassen, um den Pass zu erhalten.

 

Samstag, 8. 12. 01

Am frühen Nachmittag fahre ich von Zürich nach Locarno. Dort dunkelt es schon (ca. 17:00), während ich auf den Zug nach Intragna warte. In Intragna suche ich vergeblich die Strasse ins Onseronetal. Ich muss wieder zurückgehen um 1 Ortschaft und kann dort mit dem Aufstieg beginnen. Ich packe die beiden übereinanderbefestigten Rucksäcke um, damit der Schwerpunkt etwas tiefer ist. Trotzdem empfinde ich den Rucksack als extrem schwer. (Auch die Distanzen kommen mir sehr weit vor, vermutlich weil ich mit den Kräften ziemlich am Ende bin.) Nachdem ich ein Stück aufgestiegen bin, sehe ich die Lichter einiger Ortschaften vor mir, die scheinbar leicht zu erreichen sind. In Wirklichkeit führt die Strasse zwischen den Ortschaften in tiefe Tobel hinein und der Weg verlängert sich um das Mehrfache. Ich habe Mühe, vorwärtszukommen und schlafe zweimal auf einer Bank am Strassenrand.

 

Sonntag, 9. 12.

Ca. um 8:00 erreiche ich endlich Spruga, die oberste Ortschaft im Onseronetal. Ich gehe eine kleine Strasse hinunter zur "Bagni di Craveggia" an der italienischen Grenze, einer verfallenen Badeanstalt(?). Da ich keine Brücke über den Bach finden kann, kann ich nicht den geplanten Weg hinaufsteigen. Ich gehe weiter, dem Bach entlang, bis unterhalb der Alp Cortaggia, wo genug Brücken vorhanden sind. Ich steige auf zur Alp Gnasco. Ich komme kaum vorwärts - die Achseln schmerzen immer mehr wegen dem schweren Rucksack. Auf dem Weg zur Alp Casariala treffe ich zum ersten Mal auf Menschen (ca.15:00). Die beiden Männer haben kein Gepäck und fragen nach der nächsten Unterkunft. Ich bin der Meinung, der Weg nach Spruga sei zu weit und rate, auf den Cima-Pass zu kommen. Nach der Karte (Strassenkarte Piemont) sei dort eine Kirche und eine Kirche sei normal offen und als Unterkunft geeignet. Sie glauben nicht und sagen, der Weg nach Graveccia sei viel zu weit und zu steil. Sie gehen Richtung das ihnen unbekannte Onseronetal und ich gegen die mir unbekannte Kirche. Ich weiss, dass die Zeit für mich zu knapp geworden ist, um irgend eine Unterkunft zu finden. Etwa um 16:00 komme ich zur Kapelle auf dem Cima-Pass. Die untere Hälfte des Eingangs ist zugemauert, die obere Hälfte ist offen, innen ist ein Raum ca. 2 x 2,5 m und dahinter ein Altar. Es hat sogar Brennholz und vermutlich Holzkohle in der Kapelle aber keine Spuren von Rauch, keine schwarze Wand oder Decke.

Mir bleibt noch eine halbe Stunde bis zum eindunkeln und die nächste Alp, die Alp Pidella zu erreichen. Unter einem Vordach richte ich mir auf einer Bank das Nachtlager ein. Ich stelle fest, dass ich keine Taschenlampe bei mir habe. Solange es noch hell ist, hole ich mir am nahen Brunnen Wasser und koche eine Suppe. Nachher lege ich mich bald in den Schlafsack weil es dunkel und kalt ist. Ich habe den ganzen Tag nur einmal kurz Sonnenschein erlebt da ich immer im Schatten gewandert bin. Aber die Landschaft hat mir sehr gut gefallen. Steile und mit kleinen Bäumen bewaldete Hänge, wie man sie vom Tessin gut kennt. Ich nehme mir aber vor, nicht mehr mit dem schweren Rucksack so weit zu wandern, sondern den Rucksack zu deponieren und von einem Punkt aus weiterzuwandern.

 

Montag, 10. 12.

Ich erwache oft in der Nacht, schlafe aber nach einem Lagewechsel relativ rasch wieder ein. Ich freue mich auf das Morgenlicht, wenn ich endlich aufstehen kann. Als es endlich Morgen wird, habe ich doch keine Lust, aufzustehen. Ich bleibe im Schlafsack, bis die Sonne die Alp erreicht hat. Beim aufstehen merke ich, dass sich zwischen Schlafsack und Schlafsackhülle eine dünne Eisschicht gebildet hat. Ich beschliesse, an diesem Tag an diesem Sonnenhang zu bleiben. Ich nehme gemütlich das Frühstück und wandere an einigen Alpen vorbei auf den Cma del Sassone. Weil ein Bach stark vereist ist, kann ich nicht dem Weg folgen und muss gerade aufsteigen. Oben habe ich eine wunderbare Rundsicht in die Berge. Ich fotografiere einen Teil, nachher ist mein Film fertig. Ich steige zur Alp Pidella ab, packe alles ein und habe Mühe, vor dem Eindunkeln die Alp Fontana zu erreichen. Im Dunkeln gehe ich eine rauhe Strasse (für Geländefz.) hinunter. In Craveggio frage ich eine Automobilistin nach einer Unterkunft. Sie bringt mich zu einem Albergo und dann zu einem 2., da das erste niemanden aufnehmen will. Dort beziehe ich ein Zimmer und schlafe sehr gut.

 

Dienstag, 11. 12.

Ich beschliesse, trotz allem mit dem Rucksack weiterzuwandern. Ich geniesse das Frühstück und wandere nach Malesco. Dort kaufe ich eine Taschenlampe und verschicke Karten. Nach dem Mittag wandere ich Richtung Alp Scaredi. Nach einem Stück Weg werde ich von 2 Männern mit dem Auto bis Fondo li Gabbi mitgenommen. Sie bereiten dort das Gelände für eine Loipe vor. Ein Kollege von ihnen arbeitet mit einem Bagger. Ein Mann kommt mit mir noch ein Stück weit mit. Er zeigt mir, wo die Alp Scaredi ist. Er fragt mich nach dem Wetter und wie ich mir dies vorstelle. Ich zeige den klaren, blauen Himmel. Er warnt mich, es würde am Freitag Schnee geben und ich hätte nur 2 - 3 Tage Zeit.

Ich steige zur Alp Scareti auf. Der Weg ist gut, breit, aber auch steil. Einige Male ist er wegen einem überflutenden Bach dick vereist und ich muss z.T. schwierige Umwege gehen. Kurz vor dem Eindunkeln erreiche ich die Alp Scareti auf dem Berggrat und finde dort zu meinem Erstaunen ein Biwak, d.h. ein gut gebautes, offenes Haus mit Tischen und Stühlen im Parterre und einem grossen Holzboden im Obergeschoss, wo ich den Schlafsack ausbreiten kann. Es hat einen Holzofen und Hartholz zum feuern, aber ich kann die harten Holzscheiter nicht anzünden. Ein Beil finde ich nicht. Ich koche eine Suppe und lege mich bald zum schlafen. In der Nacht erwache ich oft. Ich überlege mir, wie es wäre, wenn ich vom Schneefall überrascht würde. Ich hätte keine grosse Chance, den Weg zu finden, die vereisten Stellen zu sehen, um nicht auszugleiten, und die steilen Hänge hinunterzukommen. Ich nehme mir vor, möglichst am Donnerstag in ein grösseres Tal zu kommen.

 

Mittwoch, 12. 12.

Ich stehe frühzeitig auf und wandere ins Val Grande hinunter. Der Weg ist gut zu begehen. Ich sehe 3 Möglichkeiten, aus dem Tal zu kommen. 1. Das Tal hinunter über In la Piano nach Orfaleccio und am Donnerstag das Tal weiter hinunter nach Verbania. Nachteil: ein Stück in einer Schlucht ist der Weg nicht eingezeichnet. Ich beschliesse, den Weg vorher ohne Rucksack zu rekognoszieren und dies auch nur, wenn ein Wegweiser auf den Weg zeigt. Wenn ein Unfall passieren würde, so hätte ich keine Chance, das Tal verlassen zu können. 2. Variante: nochmals aufsteigen auf die Alp della Colma, was nochmals einen etwa 800m-Aufstieg mit dem Rucksack bedeutete. 3. Variante: irgendwann zurück, wenns z.B. wegen vereisten Stellen nicht mehr weiter geht.

Von In la piano führt kein eindeutiger Weg durch die Schlucht und so entscheide ich mich für Variante 2. Ich will noch heute das Biwak in der Alp Val Gobbia erreichen oder noch lieber die Alp Serena, damit wenigstens schon ein Stück Aufstieg gemacht ist. Es wäre sicher ein Stall zum schlafen zu finden.

Der Weg bis zur Alp Val Gabbia wird immer schwieriger und entspricht nicht mehr dem auf der Karte eingezeichneten Weg. Vermutlich wurde er wegen Erdrutschen auf die andere Talseite verlegt. Plötzlich glaube ich, umkehren zu müssen, da ich mit dem Gepäck nicht die Kletterpassage überwinden kann. Da sehe ich ein Drahtseil, an dem ich mich halten kann und so geht's doch weiter.

Der Aufstieg zur Alp Serena geht dann erstaunlich gut, langsam, aber stetig. Der Rucksack ist nun seit Beginn meiner Reise etwas leichter geworden. So entscheide ich mich, den Weg zur Alp della Colma auch noch zu beginnen um bei möglichem Schneefall wenigstens bald zum Tal hinaus zu sein. Lieber nehme ich in Kauf, dort ev. in starkem Wind und Kälte schlafen zu müssen. Bald muss ich einen stark vereisten Bach überqueren, was mir sehr Mühe macht. Nachher wird der Weg immer schmäler und hat ein wenig Schnee. Ich muss sehr aufpassen, am Hang nicht abzurutschen. Ca. um 17:00, kurz vor dem eindunkeln, komme ich auf dem Grat an. Zu meiner Ueberraschung finde ich ein auf der Karte nicht eingezeichnetes Biwak vor. Ein offenes Haus mit Tisch, Bänken, Holzofen und Bretterboden für den Schlafsack. Im Gegensatz zum ersten Biwak brennt hier die von Solarzellen gespiesene Beleuchtung. Ich koche mir eine Suppe und lese ein wenig.

Das heute begangene Gebiet im oberen Val Grande ist sehr wild gewesen, die Wege z.T. sehr schmal und die Hänge sehr steil. Den ganzen Tag habe ich keinen Menschen angetroffen. 2mal habe ich Tiere, Gemsen oder Hirsche, gesehen, leider nur von hinten beim wegrennen.

 

Donnerstag, 13. 12.

Wie immer werde ich am Morgen von einem klaren blauen Himmel begrüsst. Ich stehe spät auf und bleibe noch ein wenig auf dem Grat. Beim hinuntergehen kommt mir bald ein Italiener entgegen und wenig später überholt er mich wieder, nachdem er nur schnell oben auf dem Pass gewesen ist. Später kommen mir drei Bergsteiger entgegen. Der Weg führt lange im Schatten. Wie ich endlich an die Sonne komme, lege ich mich ins dürre Gras zum "sünnele". Ich geniesse die Ruhe und Wärme und ahne nicht, dass dies der wärmste Moment für einige Tage sein wird. In der nächsten Alp wasche ich mich wieder einmal gründlich an einem Brunnen. Auf den Pässen hat es jeweils kein Wasser gehabt und ich habe Eis aus einem Brunnen geschlagen, um eine Suppe kochen zu können.

Der Weg wird immer breiter und wird endlich zur asphaltierten Strasse. Ich telefoniere wiedereinmal mit der Norwegischen Botschaft, nachdem ich endlich Natelempfang erreicht habe. 2 Tage lang habe ich keine Verbindung gehabt. Bald holen mich die 3 Bergsteiger vom Morgen wieder ein. Wir gehen das letzte Stück gemeinsam. Sie sind Walliser von Visp und haben bis vor kurzem in der Lonza gearbeitet. Jetzt sind sie pensioniert und machen jeden Donnerstag ein Bergtour zusammen. Sie behaupten, es würde in nächster Zeit nicht schneien und das Wetter bleibe schön. Mit ihrem Auto bringen sie mich noch ganz ins Tal hinunter und wir trinken zusammen einen Kaffee. Nachdem ich vergeblich versucht habe, zu autostoppen, fahre ich mit Bahn und Bus nach Verbania zur nächsten Jugendherberge. Diese finde ich nur schwer und dann ist sie geschlossen. Ich frage in einem nahen Hotel nach einer Unterkunft. Der Preis ist etwa 85 000.- Lire. Nach langem hin und her machen sie ein Zimmer bereit. Sie erklären, dass nur noch Schüler im Hotel sind und das Hotel nachher geschlossen wird. Ich geniesse das angenehme Bett und die warme Douche.

 

Freitag, 14. 12.

Wie ich am Morgen zum Fenster hinausschaue, sehe ich, dass alles frisch eingeschneit ist. Also doch Schnee am Freitag! Ich male mir aus, wenn ich noch auf der Alp Colma wäre oder im Val Grande. Ich bin froh, von dem Italiener, der an der Loipe gebaut hat, gewarnt geworden zu sein und darauf gedrückt zu haben, das Val Grande am Donnerstag zu verlassen. Ich geniesse das reichliche Frühstück und sehe mir Verbania besser an. Der Himmel ist bewölkt, aber es schneit nicht mehr. Ich gehe an den Langensee und um ein grosses Villenviertel herum. Das Ortsmuseum ist geschlossen. An einer Stelle sehe ich mehrere Verkaufswagen. Ich wundere mich über die Konstruktion. Von der Führerkabine ist nichts zu sehen: die ganze Länge des Fahrzeugs ist Verkaufsfläche.

Für die Unterkunft muss ich nur 50 000.- Lire bezahlen, was sehr anständig ist. Mit Bus und Bahn fahre ich nach Turin. Die Informationsbüros sind schon geschlossen und niemand kann mir sagen, wo die Jugendherberge ist. Ich bin zu müde, um von einem Schalter zum andern zu gehen und fahre mit dem Taxi zur Jugi.

Am Abend plaudere ich noch mit einem Mann aus Neapel. Er ist Biologielehrer und will nächste Woche eine Stelle in Turin suchen. Neapel sei recht, um Sonnenschein zu geniessen und für Künstler. Aber Arbeit hat er ausser etwas Nachhilfestunden keine. Hier möchte er in einer staatlichen Schule arbeiten, wo der Lohn wesentlich höher ist, als in den Privatschulen. Er will morgen zu einem Freund ziehen.

Ich mache mir Gedanken zur Bergwanderung: Ich habe immer wieder ausserordentlich Glück gehabt: Wenn ich mir nur eine kleine Verletzung an einem Fuss zugezogen hätte, hätte dies auf dem grösseren Teil der Wanderung fatale Folgen gehabt. Ich habe keine Natelverbindung gehabt und hätte nicht erwarten können, dass jemand vor dem Frühjahr den gleichen Weg gegangen wäre. Da ich wegen dem Gewicht nur Halbschuhe getragen habe und ungewohnt viel Gewicht getragen habe, ist die Möglichkeit einer Verletzung gegeben gewesen. Wenn der Mann von Malesco nicht gesagt hätte, dass es am Freitag schneit, wäre ich einen Tag länger auf der Alp Scareda geblieben und im Val Grande eingeschneit worden.

 

Samstag, 15. 12.

Ich geniesse das Frühstück in der Jugi in Turin. Nachher besuche ich das Bergmuseum. Es ist etwas erhöht bei einer Kirche. Man sieht schön über ganz Turin. Ueber dem Vorplatz sind blaue Neonlampen-Ringe angebracht. Auch die Scheinwefer, die die Kirche beleuchten, sind blau. Die ganze Beleuchtung sieht sehr ungewohnt und eindrücklich aus. Das Museo Nationale della Montagni ist sehr schön gemacht. Auf 2 Stockwerden sieht man Flora, Fauna, Trachten, Bilder und Geräte für Alpinismus und Höhlenforschung, Geräte aus alter Zeit, Bau eines Staudamms und einer Telefonleitung in den Bergen mit Modellen und Plänen, Ausrüstung einer italienischen Nordpolfahrt 1899/1900, viele Modelle von Alp- und Clubhütten und ein Stock höher ist ein kleiner Raum mit Rundsicht. Das Panorama hinter Turin, also der entsprechende Teil der Alpen, wird gezeigt.

Nachher spaziere ich dem Po entlang, vom Po den Fluss Dora Ripari entlang, durch die Gardini Reali, La Grange(?) mit vielen teuren Läden, besonders Kleider- und Lederwarengeschäften und durch die Altstadt zum Bahnhof. Es herrscht in der Altstadt grosser Einkaufsrummel. Am Abend komme ich in die Jugi zurück und nehme dort das Nachtessen. Nachher plaudere ich mit einem Informatiker von Como. In seiner Freizeit schreibt er Theaterstücke und besucht jetzt einen 2tägigen Theaterkurs in Turin. Um halb elf gehe ich nocheinmal zum Museo della Montagni und schaue Turin by night an. Ich bewundere die blauen Ringe am Himmel und sitze ein wenig in die Kirche.

 

Sonntag, 16. 12.

Nach dem Frühstück gehe ich poaufwärts zum Automobilmuseum. Eine temporäre Ausstellung zeigt "Kunst und Auto". Es sind viele bemalte und mit Figuren versehene Raddeckel zu sehen. Daneben Werbefotos, Skulpturen aus Autoteilen und einen Video über die Renovation alter Mercedescabriolets mit asiatischer Bemalung. Im eigentlichen Museum sind viele alte Autos, Rennwagen und neuere Autos bis 1960 zu sehen. Aber in Bezug auf Autosattlerei sehe ich nichts besonderes. Viele Sitze sind in schlechtem Zustand. An den Wänden sind Schwarz/Weiss-Fotos über einfache Italiener in den 50er Jahren, die mir sehr gut gefallen.

Nachher gehe ich dem Po entlang hinunter und nocheinmal in die Altstadt, die nicht so alt aussieht und aus grossen Häusern besteht. Ich suche das Cinema-Museum, kann es aber nicht finden, da ich eine falsche Adresse habe. Ich werde es erst am Abend 10 Minuten vor der Schliessung im markantesten Gebäude von Turin finden. Schade!

Auf Empfehlung eines Jugibewohners gehe ins Museo Eglito(?). Mich würde zwar eher die Turiner Geschichte als die Aegyptergeschichte interessieren. Aber scheinbar ist da nicht viel vorhanden. Auch in einem Prospekt über Turin lese ich nur über verschiedene Stadtmauern und dass Turin einmal kurze Zeit italienische Hauptstadt war. Einerseits sind die Turiner vermutlich ihrer Geschichte nicht bewusst und andrerseits hat Turin vermutlich erst im 19. und 20. Jahrhundert Bedeutung erlangt. So besteht es vor allem aus grossen Verwaltungs- und Geschäftshäusern vom Anfang des 20. Jahrhunderts. Ich sehe auch keine moderne Einkaufszentren (sie sind vermutlich ausserhalb der Stadt schon vorhanden) und die Stadt scheint in den letzten 50 Jahren stehen geblieben zu sein. Weiter habe ich noch in Betracht gezogen, das antropologische, das ethnografische, das Naturkundemuseum oder das Museum zum Widerstand gegen die Franzosen zu besuchen.

Nun eben das ägyptische Museum: Einmal drinnen, bin ich überwältigt von der Menge der ausgestellten Sachen, aber noch mehr von der sehr schönen und informativen Aufmachung. Deutlich wird gezeigt, auch mit Stolz, wie die Italiener in Aegypten Ausgrabungen gemacht haben. Viele gute Rekonstuktionen, die sich auf Tatsachen abstützen, erklären die Zusammenhänge. Das Museum gefällt mir so gut, dass ich gerne auf das Nachtessen verzichte und bis zur Schliessung bleibe. Neben Sarkophagen und Sphinxen sind viele Gegenstände aus Bronce, Knochen, Stein, Holz und Keramik zu sehen. Ich staune, dass die alten Aegypter bereits Bronce hatten und den Boden pflügten. Getreidesorten und Mahlgeräte sind zu sehen. Nachher kaufe ich Landkarten über das Sturatal und über Jugoslawien. Ich finde endlich, zu spät, das Cinema-Museum und bewundere die Lichter von Turin. Ich sehe die blau beleuchteten Ringe und die Kirche von der Stadt aus an.

 

Montag, 17. 12.

Ich gehe zum Bahnhof und löse ein Billet nach Borgo San Dalmazzo. Ich möchte in die Jugi in Pietraporzio. Um ca. 11:30 kann ich in den Zug nach Cuneo einsteigen. In Cuneo versuche ich herauszufinden, ob ein Bus nach Pietroporzio fährt. Da aber Bahnangestellte prinzipiell nichts über Busverbindungen wissen, erfahre ich nichts. Ich fahre mit der Bahn weiter nach Borgo San Dalmazzo, wo ich aber auch keinen Bus finden kann. In einem Café telefoniere ich wiedereinmal der Norwegischen Botschaft. Die Angestellte vertröstet mich auf Mittwoch. Nachdem ich zufuss endlich ausserhalb von Borgo San Dalmazzo bin, mache ich autostopp. Ich werde bald von einem kleinen Wagen einige km mitgenommen. Der Fahrer sagt mir beim Aussteigen, dass etwas weiter vorn eine Bushaltestelle sei. Ich gehe dort hin und gleichzeitig, wie ich dort ankomme, fährt ein Bus vor. Ich kann gleich einsteigen. In Vinadio steige ich in einen kleinen, sehr alten Bus um. Mit mir sind noch ein paar Schüler. In Pietraporzio habe ich Mühe, die Jugi zu finden. Als ich endlich die Jugi gefunden habe, erklärt der Betreiber, dass die Jugi geschlossen sei, weil sein Bein krank sei. Er verweist mich auf das "Posto tippo" in Ponte Bernardo. In einem Restaurant erhalte ich einen Schlüssel für's Posto tippo. Ich gehe nocheinmal nach Pietroporzio zurück zum Einkaufen. Da ich glaube, länger als eine Nacht zu bleiben, kaufe ich viel zu viel. Im Laden, dessen Licht extra für mich angezündet wird, erhalte ich fast alles mit abgelaufenem Datum. Im Posto tippo zurück mache ich mir Spaghetti und viel warmen Tee, weil es sehr kalt ist. Ich heize auch kurz mit dem vorhandenen Brennholz. Ich gehe ins Restaurant, wo ich der einzige Gast bin. So kann ich an der Wärme und bei einem Capuccino an diesem Tagebuch schreiben. Nachher mache ich noch einen Rundgang durch dieses kleine Dorf. Viele gelbe Laternen beleuchten die Häuser in warmer Farbe. Ich sehe niemanden, aber es ist eine gemütliche Stimmung.

Posto tippo sind einfache Unterkünfte für Wanderer in diesem Gebiet. Es hat Mehrbettzimmer und Kochgelegenheiten.

 

Dienstag, 18. 12.

Ich beschliesse weiterzugehen. Der Rucksack ist wegen den Einkäufen wieder grösser und schwerer. Ich kann nicht mehr über Bergwege gehen, da zuviel Schnee liegt. So wandere ich auf der Passstrasse über den Colle della Maddalena. Trotzdem dies  weitherum die einzige offene Verbindungsstrasse zwischen Italien und Frankreich ist, fahren nur etwa 3 Fahrzeuge pro Stunde. Mindestens die Hälfte der Fahrzeuge sind Lastwagen. Meistens fahren sie leer von Italien nach Frankreich und beladen retour. Sie führen vor allem Heu, Stroh und Holz. In einer Schlucht beim Ponte della baricate sind militärische Festungen in die Felsen gebaut. Wie ich immer wieder sehe muss der Colle della Maddalena militärisch eine grosse Bedeutung gehabt haben. Bersezio ist ein zur Zeit noch schlafender Touristenort. Beim kleinsten Skilift ist eine Schneekanone in Betrieb. Nur ein Auto mit Skitouristen ist angekommen und es fährt kein Lift. Es hat aber auch sehr wenig Schnee. Je höher ich komme, umso mehr nimmt der Schnee ab. Argentera ist der Hauptort der Gegend. Ich sehe niemanden. Alles sieht sehr verlassen aus. Nur einige Häuser sind zum Verkauf ausgeschrieben. Ich mache an der Sonne Pause bevor ich die vielen Serpentinen, die ich z.T. abkürzen kann, in Angriff nehme. Meine Hoffnung, in der Rif. per la Pace e l' Europa übernachten zu können, wird enttäuscht. Ein Teil ist abgeschlossen, der andere Teil hat kaum noch ein Dach. Die Böden der unordentlichen Räume sind mit Schnee bedeckt. Der Europäische Frieden ist schliesslich heute durch die EU garantiert und die Zeit ist vorüber, wo sich italienische und französische Soldaten hier gegenüber sahen. Also warum eine Hütte für den Europäischen Frieden?

So wandere ich weiter nach Larche, den ersten französischen Ort, wo ebenfalls eine einfache Unterkunft sein soll. Ein kleines Stück fahre ich noch per Autostopp mit. Die Git d'etappe ist geschlossen. In der nahen Auberge de Lauzanier kann ich übernachten. Ich werde hier 3 Nächte bleiben, weil es mir sehr gut gefällt und billig ist (170.-fFr per Tag).

Ludovic und Cecile, die die Auberge führen, sind etwa 25 Jahre alt. Sie sind am 15. Dezember als neue Geranten eingezogen und haben am letzten Samstag eröffnet. Sie kommen aus der l'Auverne, aus der Mitte Frankreichs und haben schon jetzt Heimweh. Sie vermissen das grüne saftige Gras aus der Auverne. Hier ist alles dürr, weil es viel zuwenig regnet. In der Auverne soll es viele "schlafende" Vulkane geben, die seit mind. 1000 Jahren nicht mehr aktiv sind. Z.T. soll es Seen darin haben, die von unten mit Wasser gespiesen werden. In der Auverne wird vor allem Milchwirtschaft betrieben. Es hat aber auch Städte mit Industrie. Im Restaurant sind die Wände mit Plakaten aus der Auverne behangen.

Ludovic hat begonnen, Sport zu studieren. Nachher haben beide zusammen 2 Sommer lang einen Campingplatz betrieben. Ausser Franzosen sind vor allem Holländer gekommen. Jetzt haben sie diese Auberge von der Gemeinde Larche gepachtet, damit sie auch im Winter Verdienst haben. Vorläufig sind noch keine Gäste da, aber für die Zeit zwischen Weihnachten und Neujahr haben sich einige angemeldet.

 

Mittwoch, 19. 12.

Heute wandere ich zum Colle de Mallemort. Der Weg ist zum grössten Teil schneefrei. Zur Festung auf dem Tète de Viraysse kann ich nicht aufsteigen weil der Weg immer wieder mit hartem Schnee ausgefüllt ist. Ich besichtige die Kaserne etwas unterhalb des Passes. Ein grosser Platz ist von Häusern und einer Mauer mit Schiessscharten umgeben. Alles ist stark verfallen. Nachdem ich die schöne Aussicht in schöne, steile Berge genossen habe, wandere ich zurück. Um noch an der Sonne zu bleiben gehe ich auf halber Höhe Richtung das Dorf Certamussat, das ich aber nie sehe. Da ich den Weg verliere, steige ich über Wiesen steil hinunter zur Strasse und dieser entlang wieder nach Larche. Dort lege ich mich vor dem Nachtessen ein wenig ins Bett. Ludovic und Cecile tischen auf leisen Sohlen freundlich auf. Nachts habe ich Mühe zu schlafen.

 

Donnerstag, 20. 12.

Heute gehe ich Richtung Col de Soutron. Ich komme etwas auf über 2500 m. Nachher hat es nur noch Schnee. Dieser ist oft sehr hart und bei starker Steigung kaum begehbar. Ich fühle mich sehr wohl in der stillen, schneebedeckten Alpenwelt.

Das Dorf Larche hat etwa 40 Einwohner, 1 Bauer, der am Morgen seine Schafe in die Berge hinaufschickt und sie am Abend durch den Hund wieder hinunterholen lässt, 2 grosse Polizeiposten, Gendarmerie national und police nationale, 2 Hotels, von denen eines jetzt geschlossen ist, 1 kleiner Laden, z.T. im Umbau, eine Mairie (Gemeindehaus), 1 Mehrzweckraum, 1 Gîte d'etappe (geschlossen), und die Auberge, die auch die 2 altmodischen Tellerskilifte bedient. Die 2 Polizeiposten haben grosse Büros. Die Gendarmerie ist für die kleineren Vergehen zuständig, die Police für die grösseren. Beide haben früher den Grenzverkehr kontrolliert. Die Schule ist bis vor 2 Jahren betrieben worden. Heute gehen die Kinder ins Nachbardorf in die Schule. Die Mairies des Tales arbeiten zusammen und verteilen unter sich die Arbeit.

Im Winter stehen neben den beiden Skiliften Loipen verschiedener Länge zur Verfügung. Sie führen in der bewaldeten linken Talseite hinauf und das Val Furane nach hinten. Ludovic und Cecile haben heute frei und wandern mit ihren Schneeschuhen eben dort.

 

Freitag, 21. 12.

Heute stehe ich relativ früh auf. Um 8:00 kann ich mit Ludivic und Cecile nach Barcelonet fahren. Sie kaufen dort ein. Barcelonet ist der Hauptort des Tales. Es hat einen alten Teil mit engen Gassen und vielen Läden. Am Rand ist das Einkaufszentrum (Supermarkt), Tankstellen und der Busbahnhof. Täglich fahren 3 Busse nach Marseille, 2 über Gap und einer über Digne les baigne. Beidseits des Ortes sind viele Villen, die sich ähnlich aussehen: grosse viereckige Blöcke mit einem Garten darum. Etwa vor hundert Jahren sind viele Leute aus diesem Gebiet nach Mexiko ausgewandert. Viele Jahre später sind sie reich zurückgekommen und haben sich eine Villa bauen lassen. Es herrscht hier scheinbar eine enge Beziehung zu Mexiko: es hat ein kleines Mexiko-Museum und ein Behindertenhotel im Nachbardorf bietet Ferien in mexikanischer Umgebung an.

Ich suche ein billiges Hotel und finde ein gutes Zimmer. Nachdem ich Karte, Gas usw. eingekauft habe, wandere ich eine Strasse einen Hang hinauf. Ueberall werde ich von Hunden angekläfft. Erst am Abend kann ich einen Wanderweg finden. Das Gebiet ist französisch - alles ist privates Eigentum. Ich gehe früh ins Hotel und lege mich schon etwa um 4Uhr ins Bett. Ich bin stark erkältet und habe Fieber. Den ganzen Tag habe ich mich schon unterkühlt gefühlt. Um 21:00 stehe ich auf, um im Restaurant nebenan etwas zu essen. Das Fondue, das als Spezialität angepriesen wird, würde mich sehr anmachen, aber angesichts des Gesundheitszustandes entschliesse ich mich auf Penne arabica, die mich etwas aufwärmen. Ich schlafe die ganze Nacht gut und tief und fühle mich nach einem gemütlichen Morgenessen und einem Gespräch mit der Wirtin wesentlich besser.

 

Samstag, 22. 12. (Rückeroberung der Natur)

Ich suche den gestern Abend gefundenen Wanderweg auf und steige zu Les Allemands auf. Dann der Strasse entlang weiter bis ca. Le Serra. Weiterzugehen ist plötzlich verboten. Gekreuzte Wegzeichen zeigen dies. Nur 1 Weg führt wieder hinunter nach St. Pons. Nach einer Weile führt wieder ein Weg hinauf nach Challanche. Ich wandere steil hinauf durch Föhrenwälder und Weiden. Andere Bäume als Föhren können hier scheinbar nicht wachsen. Der Boden ist trocken mit wenig Humus. Bald zeigen wieder gekreuzte Wegzeichen, dass ein weiteres hinaufgehen unmöglich ist. Nur ein Weg führt weiter - wieder nach St. Pons hinunter. Der Weg führt bald über einen schmalen Grat. Auf beiden Seiten ist die Erde abgeschwemmt worden. Die Wege haben scheinbar nicht mehr weitergeführt, weil sie auch abgeschwemmt worden sind. Auch die Strasse, die vorher gesperrt gewesen ist, ist zwischen dem nächsten und dem übernächsten Hof abgerutscht und vermutlich nur provisorisch erstellt worden. Ueberall sind bewaldete Gebiete abgeschwemmt worden. Schon bei Larche habe ich gesehen, dass die Felsen sehr schlecht sind und dauernd abbröckeln. Hier wird offenbar immer wieder Erde abgeschwemmt. Ich vermute, dass dies von der hier herrschenden grossen Trockenheit kommt. Die ausgetrocknete Erde bildet Risse, Wasser fliesst hinein, gefriert ev. und drückt alles auseinander. Auch die Hänge von den Bergen weit oben scheinen dauernd abzubröckeln und hinunterzufliessen. So kann sich kaum Humus bilden. Weiter unten sehe ich einzelne Aecker. Ich stelle mir vor, dass es hier mühsam ist, das Land zu bewirtschaften. Man weiss nie, wann die Weide oder der Acker den Hang hinunterfliesst. Man kann kaum guten Humus aufbauen.

Um 16:30 fahre ich mit dem einzigen Bus nach Digne. Während der Fahrt nähe ich das hinterste, aufgeschlitzte Polster im Bus zu. Ich freue mich sehr, wiedereinmal etwas sinnvolles zu tun. Auch der Buschauffeur freut sich darüber. Die Fahrt führt dem linken, sehr steilen Abhang einer Schlucht entlang. Nachher öffnet sich das Tal und ein See wird sichtbar. Leider wird es bald dunkel. Die Strasse führt über einen Pass. In Digne ist die Touristeninformation natürlich geschlossen. Ich wandere Dorf auf und ab bis ich endlich ein günstiges Hotel finde. Die Strassen sind noch stark belebt. Alle Läden sind noch offen. Nachdem ich mich etwas hingelegt habe, gehe ich nocheinmal in die Stadt. Unterdessen ist es ruhig geworden. Es sind kaum noch Menschen auf der Strasse. Nur wenige Restaurants sind noch geöffnet. Ich esse in einem Restaurant etwas und gehe ins Bett.

 

Sonntag, 23. 12.

Ich stehe früh auf und spaziere vor dem Morgenessen in Digne. Es ist ein schönes altes Städtchen, das scheinbar mit einem Termalbad reich geworden ist. Ein spezieller botanischer Garten ist vorhanden und neben vielem wird eine Fahrt mit der Chemin de fer de Provence nach Nizza angeboten, die ich dann auch mache. Ich steige zur hoch über dem Städtchen stehenden Kirche hinauf und gehe über enge, steile Treppen wieder hinunter. Grosse geschlossene Colleges sind zu sehen, die mit hohen Mauern umgeben sind. Der Sackbahnhof ist am Rand der Stadt. Die Staatsbahn fährt nicht mehr nach Digne. Busse ersetzen die Bahn und fahren z.B. über die Route Napoléon nach Nizza. Ich glaube, diese Route hat Napoléon benützt, als er in Korsika ausgebrochen ist und in Paris den Thron wieder bestiegen hat. Der Bahnhof wird aber noch von der CP benützt, die täglich 4mal nach Nizza fährt. Trotzdem schon Morgenessenszeit ist, komme ich vom Bahnhof kaum noch los. Der Bahnhofvorstand hat scheinbar nichts zu tun und bemüht sich sehr, mir die Fahrt nach Nizza anzupreisen. Nochmehr bemüht er sich aber, mir alle Vorteile des Euro klar zu machen und festzustellen, dass Länder, die den Euro nicht benützen, wirtschaftlich kaum eine Chance haben. Nach einer Viertelstunde unterbreche ich sein Loblied auf den Euro weil ich Hunger habe.

Nachdem Frühstück und Packen gehe ich zum Bahnhof. Bei Tageslicht sieht die Umgebung von Digne wirklich sehr schön aus. Felsige Berge und tiefe Täler. Die CP ist eine Schmalspurbahn. Im Gegensatz zur Rätischen Bahn schaukelt der Wagen aber dauernd hin und her. Vermutlich sind die Geleise nicht mehr gut, haben Spiel und der Wagen ist weich gefedert. Die Sitze sind mit dem gleichen Meisterstoff bezogen, den ich für die Tössegg-Schiffahrt bearbeitet habe. Die Fahrt erinnert mich an meinen alten Saab mit Freilauf. Der Dieselmotor wird scheinbar nur gebraucht, wenn der Abwärtsschwung nicht genügt. Die Fahrt führt durch enge Täler hinauf und hinunter, über viele Viadukte und durch viele Tunnels. Das Gebiet zeigt immer wieder das gleiche Bild: steile, abgeschwemmte Hänge, Föhrenwälder, kleine Weiden, trotzige Felsen, manchmal gerade aufstehend, manchmal als Wände quer im Tal stehend. Breite Flüsse mit wenig Wasser. Ich frage mich, wo die abgerutschte Erde und Steine geblieben sind. Man sieht unten kaum Ueberreste und die Flüsse sehen nicht aus, wie wenn sie alles abtragen könnten. Erst nach etwa 2 Stunden Fahrt sehe ich in der flachen Talsohle die ersten Obstplantagen. Nahe gegen Nizza zu sind neben Föhren auch südliche Bäume zu sehen. Die Dörfer im Tal und an den Hängen werden grösser. Im flachen Tal sind flache Industriebauten und Einkaufszentren. Immer mehr grosse Wohnhäuser mit vielen Wohnungen sind zu sehen.

Nizza mit seinen Wohnblöcken gefällt mir nicht. Ich gehe zum Bahnhof der staatlichen Bahn, löse ein Billet nach Savona, esse mit den fast letzten Franc in einem Restaurant und fahre anschliessend der Küste nach, oft, besonders in Monaco, nur durch Tunnels. In Ventimiglia muss ich umsteigen. Nicht alle angegebenen Züge fahren (italienisch). Trotzdem freue ich mich irgendwie, wieder in Italien zu sein. Da ich kein Italienisch kann, ist die Verständigung zwar schwieriger, aber trotzdem einfacher.

Im Zug sind 4 junge Leute. Sie kommen von den Ferien und fahren heim in die Nähe von Turin. Sie breiten eine Fröhlichkeit aus. Ihre piemontische Sprache ist sehr schön und gefällt mir sehr. Sie versprechen mir Arbeit bei ihrem Cousin in Aosta, ich erwarte (zu recht) aber kaum Antwort. Sie haben keine Billete und es gibt lange Diskussionen mit dem sehr sympatischen (in Italien eher selten) Kondukteur, die wegen dem piemontischen Dialekt wie Musik tönen. Schlussendlich gibt's dann doch einen Rapport. (Ich erinnere mich, als ich einmal im gleichen Gebiet mangels Kenntnis die Eintrittskarte für die Autobahn nicht vorweisen konnte und die grösstmögliche Strecke, also von Sizilien, bezahlen sollte. Der Beamte stellte mir eine Rechnung dafür aus und erklärte gleichzeitig, dass nicht kontrolliert würde, ob die Rechnung bezahlt werde. Ich zahlte natürlich nicht. Ich kann mir gut vorstellen, dass es mit diesem Rapport gleich funktioniert hat.) Diese jungen Leute (ca. 18 Jahre alt) gehen weder zur Schule noch arbeiten sie.

In Savona suche ich die Jugendherberge nach der Adresse. Sie ist in einer alten, sehr grossen Festung. Ich erinnere mich, dass ich vor ca. 10 Jahren mit A. schon einmal dort gewesen bin. Ich rede noch ein wenig mit einem Belgier im gleichen Zimmer. Er rät mir, in die Fremdenlegion zu gehen. Er träumt davon. In Frankreich hat es ihm aber nicht gefallen. Es war ihm zuwenig hart. Morgen (24.12.) sucht er Arbeit als Tellerwäscher. Er möchte einwenig verdienen und dann weiter südwärts reisen: Marokko, Israel, Irak usw.. Er ist Wirtschaftsstudent und will sein Studium später fortsetzen. Er schläft bald ein und ich gehe in die Festung hinaus.

Da ist ein grosses Fest. In einem Hof tanzen als Engel verkleidete Mädchen zu klassischer Konservenmusik. Andere Leute sind als Hirten verkleidet und sind um ein Feuer. Früchte werden angeboten. In den verschiedenen Räumen sind Ausstellungen von Bildern. Verschiedene Leute haben Kleider von Rittern und Schlossfrauen angezogen. In einem kleinen Gehege sind Schafe. In einem Zimmer singt ein Frauenchor. Ueber die Mauern sieht man aufs ruhige Meer und den Strand. Es herrscht eine fröhlich, angenehme Stimmung. Nachher gehe ich noch kurz durch den Lunapark neben der Festung und durch die Strassen. Alles ist jetzt ruhig geworden (ausser viel Autoverkehr).

 

Montag, 24. 12.

Ich muss die Jugi wieder verlassen weil sie angeblich voll ist. (Ich nehme an, dass sie eher über die Feiertage geschlossen werden soll.) Ich gehe noch ein wenig in der Festung um und mache einige Fotos.  -  Dazu folgendes: Im Original-Tagebuch steht an vielen Stellen, dass ich einige Fotos gemacht habe. Dies hat aber keine Wirkung, da am Schluss der Reise mein Fotoapparat gestohlen wurde und nur die paar Fotos vom Cma del Sassone erhalten geblieben sind. -  Es gefällt mir hier sehr gut. Im Meer draussen stehen immer noch die beiden gleichen Schiffe, wie am Vorabend. Ich kaufe Hustensirup und Nagelschere, beides zusammen kostet ungefähr gleichviel, wie 2 Uebernachtungen und ich nehme mir vor, ab jetzt weniger Geld zu brauchen. Den Bahnhof finde ich erst auf einem langen Umweg. Ich fahre mit der Bahn nach Alessandrio, der nächsten Jugi, die das ganze Jahr geöffnet hat. Die Fahrt dauert ca. 3 Stunden. Zuerst fahren wir enge, z.T. kaum bewohnte Täler hinauf. Bei San Giuseppe sind grosse Fabrikanlagen, vermutlich Stahlwerke. Gegen Alessandria zu wird das Land flacher. In Alessandrio suche ich auf einem langen Weg die Jugi auf. Alessandrio kommt mir wie ein stark verkleinertes Turin vor. Die Jugi ist geschlossen und sie verweisen mich in ein Hotel. Ich gehe zum Bahnhof zurück und rufe die nächsten, nach Katalog offenen Jugis an. Bergamo ist geschlossen, aber Verona hat noch Platz. Der Zug fährt bald, ca. 17:30 und ca. um 20:30 bin ich in Verona. Auf der ganzen Fahrt sehe ich draussen nichts, da es dunkel ist. Ich habe 2 relativ kurze Umsteigezeiten in Voghera und Milano. In Verona suche ich die Jugi auf dem Stadtplan und bin um etwa 22:00 dort. Ich schlafe in einem grossen Schlafsaal mit Trennwänden, mein Bett ist gleich bei der Eingangstüre. Es hat einen grossen Doucheraum, aber da ich jeweils früh aufstehe, douche ich allein.

 

Weihnachten, 25. 12.

Vor dem Frühstück gehe ich von der Jugi etwas hinauf und schaue auf Verona hinunter. Nach dem Frühstück gehe ich in der Stadt spazieren. Mich beeindruckt eine grosse römische Festung mit einer Brücke über den Fluss. Ins Zentrum mit dem Amphitheater komme ich immer wieder: fast alle Wege führen dorthin. Glockenschläge einer nahen Kirche widerhallen in den Bögen des Amphitheaters so , dass ich meine, die Glocken seien dort in den Mauern. Ich habe Mühe, die Kirche zu finden.

Nahe bei der Jugi sind Ueberreste eines römischen Theaters. Ueberall wird renoviert. Ich gehe zur Jugi zurück und schreibe am Cheminée, in dem immer ein angenehmes Feuer brennt und die Umgebung etwas aufheizt, das Tagebuch nach. Gegen Abend gehe ich nocheinmal etwas durch die Stadt. In einem Museum schaue ich Bilder von Munch an. Die gleichen Bilder habe ich schon in Oslo gesehen, jedoch wesentlich mehr. Die Ausstellung gefällt mir sehr gut. Auf allen Bildern sind Personen abgebildet. Viele Selbstdarstellungen von Munch zeigen, wie er sich im Laufe seines Lebens verändert hat. Ich studiere die Darstellung der Menschen mit Haltung, Hintergrund und Farbkombinationen, wie ich dies von M. gelernt habe. Ich bleibe im Museum fast hängen und habe Mühe, rechtzeitig zum Abendessen in die Jugi zurückzukommen. Es fällt mir leichter, die Ausstellung über den andern Künstler zu verlassen. Es werden vor allem Installationen mit unbemalten Bildern gezeigt (Gewebe auf Rahmen gespannt).

Am Abend lese ich über das Mairatal: "Partisanen und Abwanderung". -  Ich habe vor meiner Abreise in Zürich ein Buch über das Mairatal gekauft. Das Mairatal liegt etwas nördlich, parallel zum Tal, in dem ich hinaufgereist bin auf den Passo della Maddalene. Im Buch wird ausführlich über die Geschichte des Tales, wie das Volk den 2. Weltkrieg erlebt hat, die früheren und heutigen Probleme des Tales und das Aufkommen des Tourismus geschrieben.

 

Mittwoch, 26. 12.

Der Himmel ist zum ersten Mal bewölkt. Nach dem Frühstück gehe ich dem alten Verona vorbei, durch das neue Verona weit ins Land hinaus. Verona besteht scheinbar aus sehr vielen historischen Gebäuden und Palästen mit entsprechenden Gärten und Häuserschluchten. Ich habe praktisch keine modernen Häuser gesehen. Verona ist sehr gross und in den aneinandergebauten mehrstöckigen Mehrfamilienhäusern lebt eine grosse Menge Leute. Ich glaubte, es müsste fast eine Million sein, der Schein trügt aber: es sind 250 000. Dies wahrscheinlich, weil das Gebiet dicht überbaut ist, jedoch nur etwa 5stöckig. Ich habe keine Hochhäuser gesehen. Auf dem Land sind alleinstehende oder in Weilern gruppierte Bauernhöfe. Alles ist alt und z.T. verwahrlost. Reben sind in Reihen angepflanzt und haben über Kopfhöhe Zweige, die wie Dächer miteinander verbunden sind. Offenbar werden Reben sehr verschieden angebaut: Bei uns sind es Stöcke, in Südfrankreich habe ich sie als lose Sträucher gesehen und hier werden sie also über Kopfhöhe ausgebreitet. Es sind Ueberreste der Maisernte zu sehen, sonst ist für mich alles undefinierbar: es ist Winter. Immer wieder werde ich von Hunden angekläfft. Davon habe ich endlich genug! Ich spaziere ein Stück weit dem Fluss entlang, nachher wieder durch Häuserschluchten. Ca. um 14:30 komme ich in der Jugi an und schreibe am Tagebuch weiter. Dazu sitze ich vor dem warmen Cheminée-Feuer. Jetzt habe ich die Zeit mit dem Tagebuchschreiben eingeholt. Gleichzeitig ist der erste Teil meiner Reise fertig. Ich habe schöne Ferien genossen, viel gesehen und erlebt - nun sollte aber alles ändern!!!

Ich mache mir Gedanken über die bisherige Reise - schreibe sie auf - kreuz und quer - wie sie mir einfallen:

Die zweieinhalb Woche waren schön, aber viel zu teuer, ca. Fr.850.-.

Primär muss ich weitersehen, irgendwie muss es weitergehen, ich habe nicht mehr viel Zeit und Geld, in die Schweiz zurück kann ich nicht.

Ich studiere immer noch viel dem vergangenen nach, habe aber keine konstruktive Idee für die Zukunft, nicht einmal Luftschlösser.

Als ich für die Munch-Ausstellung den Eintritt bezahlen sollte, wurde ich das erste Mal in meinem Leben gefragt, ob ich schon älter als 60 Jahre sei.

Ich bin wirklich alt geworden, die letzten Jahre haben stark zugesetzt. Ausserdem bin ich irgendwie abgemagert.

Trotzdem mochte ich das Gewicht über die Pässe tragen und auf 2000 m Höhe draussen schlafen. Es sollte also doch noch einiges möglich sein.

Die Reise über die Pässe, die nicht immer ganz ungefährlich war, hat auch ein "Ja" zum Leben bedeutet.

Trotzdem frage ich mich auch, ob L. es nicht besser gemacht hat, als er sich einfach schnell umbrachte, als er nicht mehr weiter sah.

Ich habe noch Hoffnung, aber realistisch gesehen muss sie schwinden.

Falls ich in den Kosovo reise: Bin ich dort überhaupt willkommen? Wie werde ich als Fremder akzeptiert? Kann ich zwischen Serben und Albaner geraten? Werde ich von vielleicht hungernden oder armen Leuten als reich angesehen und entsprechend ausgenommen oder bedroht? Gibt es Möglichkeiten, die Sprache zu lernen?

Ich könnte auch nach Norwegen reisen, um die Sprache zu lernen. Da das Leben in Norwegen sehr teuer ist und die Schule sicher auch, könnte ich dies nicht lange bezahlen. Nachher wäre endgültig fertig!

Es wäre vielleicht sinnvoll, die Reise in deutschsprachigem Gebiet fortzusetzen, wo ich mich besser verständigen könnte. Aber deutschsprachige Gebiete sind teuer!

Wie wäre ein englischsprachiges Gebiet, um englisch zu lernen? Die Reise dahin wäre zu teuer. Ausserdem wird überall, wo ich die Sprache nicht verstehe, englisch gefordert: sogar in Italien.

Ich könnte sparen, wenn ich mehr draussen schlafen würde. In den Bergen war dies vor dem Schnee noch möglich, aber im niedrigen Gebieten eher schwierig. Ich möchte nicht zum Gloscharen werden. Ausserdem ist hier alles Land privat.

Auch mit dem Essen könnte ich mehr sparen, aber da ist das Problem mit der Kälte (wie beim schlafen). Ich habe oft Mühe mit der Kälte und Krankheit kann ich mir nicht leisten.

Ich werde versuchen, mehr Autostopp zu machen, wenn ich Italien verlasse. Hier ist die Bahn wirklich billig. Ob's, geht?

Ich sehne mich nach dem Norden, wo man sich frei bewegen kann ("Jedernmannsrecht"). Auch ein Plus für Norwegen.

Die Italiener haben die Fähigkeit, alte Kulturgüter nicht nur zu schützen, sondern neu aufleben zu lassen. Das imponiert mir: z.B. Fest in der Festung von Savona, Oper in Verona, Darstellungsart im Aegyptermuseum in Turin, okziantische Musik (im Mairabuch beschrieben).

An den Italienern gefällt mir auch sehr die Offenheit. Man kommt schnell in ein Gespräch, auch wenn man die Sprache nicht kann.

Es zieht mich also mehr in den Norden oder in die Berge, wo Bewegungsfreiheit herrscht, aber die Folge ist eine Isolierung, die mich nicht weiterbringt.

Schlussendlich kehre ich eben doch in die Schweiz zurück, aber in ein anderes Gebiet, z.B. in den Jura.

Ich brauche noch Geld für einen Neuanfang, wo auch immer.

Ich könnte auch auf einen andern Kontinent ziehen, z.B. Südamerika oder Asien, aber dazu und für einen Neuanfang dort fühle ich mich zu alt.

Ich muss mir eine Natelkarte kaufen, damit ich für bestimmte Leute erreichbar bin.

In Turin in Bezug auf den Po und hier bei diesem Fluss habe ich gestaunt, wie sauber das Wasser ist.

Es ist eine Eigenart von mir, bis im letzten Moment Hoffnung zu haben. Nachher kommt der Absturz. z.B.: Verkehrsunfall: Einer schleudert vor mir auf meine Seite - ich denke, der ist besoffen und fährt Slalom, also wieder auf seine Seite zurück - er ist nicht besoffen, bleibt auf meiner Seite - mein Ausweichen kommt zuspät - Totalschaden an beiden Fahrzeugen - mein Mini weg - alles in einer Gesamtdistanz von 10 m geschehen. ----> Trotz realistisch gesehen in auswegloser Sackgasse hoffe ich jeweils noch immer auf etwas Unvorsehbares, irgend ein Wunder. --- In einigen Wochen werde ich vor dem "Nichts" stehen und ---????????????????????????????

 

Donnerstag, 27. 12.

Beim Reparieren meines Rucksacks ist meine einzige Nadel zerbrochen. Also muss ich heute Nadeln und Natelkarte kaufen. Ich finde einen Nähmaschinenmechaniker und der kann mir sagen, wo, in einem Hinterhof, ein Geschäft ist, wo ich  krumme Nadeln (Fachausdruck Autosattler) kaufen kann. Ich bestelle in der Nähe die Natelkarte und kaufe dann im Zentrum die Nadeln. Erstaunlicherweise erhalte ich so rasch die mir passenden krummen Nadeln.

Ich gehe zum Aussichtspunkt nahe der Jugi und versuche zweimal M. anzurufen. Ich habe die Adresse von M von Bekannten vor der Abreise in Zürich erhalten. Er hat eine Autowerkstatt im Kosovo und es sollte möglich sein, dass ich dort arbeiten und leben kann. Das 2. Mal nimmt eine Frau das Telefon ab, sie weiss aber nichts von M.. Ich rufe V. an um nach der richtigen Telefonnummer von M. zu fragen. Sie fragt mich, wie's geht. Es tut mir sehr gut, mit jemandem Bekannten zu reden. Sie sagt, M. sei in Zürich und sie sorge dafür, dass er mir zurücktelefoniert. Sie ruft wenig später an, um mir zu sagen, dass M erst am Abend zurückrufen kann.

Ich vermisse nach einem weiteren Spaziergang etwas den Berg hinauf meine Brille. Ich suche am Platz, wo ich telefoniert habe - ergebnislos. Dort, wo ich die Nadeln gekauft habe, finde ich sie auch nicht. Ich habe Mühe, dem Verkäufer klar zu machen, was ich suche. Er weiss nicht, was an den gekauften Nadeln schlecht sein soll und ausserdem seien die Nadeln nicht dazu gedacht, Brillen zu nähen! Wo ich die Natelkarte bestellt habe, ist die Brille auch nicht. aber die Karte ist unterdessen bereit und ich habe eine neue Telefonnummer. Ich durchsuche nocheinmal meinen Rucksack und finde die Brille. Ich habe sie während dem Telefon mit V. abgezogen und sicherheitshalber in den Rucksack gesteckt. (Notiz im Originaltagebuch: viele Fehler weil im gleichen Raum das Musikal "Jesus Christ" im TV läuft. Es erinnert mich an meine erste London-Reise vor 25 Jahren mit der Englischklasse.) Ich spaziere der auf einem Hügel verlaufenden Stadtmauer nach, d.h. ich spaziere zwischen 2 Mauern: Der Stadtmauer und Begrenzungsmauern irendwelcher Villen. Dieses Bild ist typisch für Verona, extreme Unterschiede zwischen Reich und Arm: an Weihnachten: Bettlerinnen sitzen auf kaltem Stein vor den Eingangstüren der Kirchen - reich bepelzte und befrackte Leute gehen daran vorbei in die Kirche. - Reiche Einkaufsstrassen voll Leute, dazwischen sitzen Bettler auf dem kalten Boden. - riesige sonnenbeschienene Villen am Südhang, fürs gemeine Volk enger Platz zwischen 2 hohen Mauern.

Da die Sonne aber zur Zeit parallel zu den Mauern scheint, habe ich trotzdem Sonnenschein. Ich rufe nochmals V. an und gebe ihr meine neue Telefonnummer. Ich verspreche ihr, ihr jeweils meine gültige Nummer anzugeben. Am Abend ruft M. an. Der Empfang ist schlecht. Er sagt, er müsse 2 - 3 Monate in der Schweiz Geld verdienen, um im Kosovo weitermachen zu können. Ich sage ihm, dass ich kaum solange warten könne. Später rufe ich wie abgemacht zurück. A. nimmt ab und sagt, die Garage sei zu teuer gewesen und sie müssten unbedingt erst wieder Geld haben, um..... Ich hätte aber gute Chancen im Kosovo.

 

Freitag, 28. 12.

Ich beschliesse, die Neujahrstage in Slowenien zu verbringen. Ich kenne Slowenien überhaupt nicht. Das Land interessiert mich schon lange. Nach den Feiertagen möchte ich dann in Oesterreich intensiv eine Stelle suchen. Oesterreich ist nicht gerade mein Lieblingsland, aber ich sehe ein, dass ich höchstens in einem deutschsprachigen Land eine Chance habe. Auch Deutschland ist nicht gerade mein Lieblingsland, topographische ist Oesterreich doch noch besser.

Ich fahre mit der Bahn nach Triest, wo die mittlere von 5 Jugis ist, die alle offen haben sollten. Vorher wandere ich in Verona von der Jugi hinauf und der Stadtmauer nach um die Stadt zum Bahnhof. Zuerst wieder höher, etwas über der Stadt, aber zwischen Mauern, nachher durch Parks, die auf der Stadtbefestigung sind. Ich komme um 16:00 in Triest an und gehe zur Jugi. Die Strasse beginnt beim Bahnhof, die Jugi ist aber in Nr. 331. Nach einer halben Stunde Marsch bin ich erst bei Nr. 83. Ich rufe in die Jugi an und erfahre, dass sie voll ist. Wieder zurück zum Bahnhof. Die nächste Jugi hat entgegen dem Verzeichnis geschlossen. In Koper nimmt niemand ab. In San Vita finde ich einen Platz. Da ich keine Karte vom Gebiet habe, habe ich keine Ahnung von den wirklichen Distanzen. Sonst hätte ich in Piran versucht, was sicher wesentlich besser gewesen wäre. Nun also wieder über 100 km zurück. Die Jugi hat einen Autodienst, weil der Bus nur für Schüler funktioniere. Der Preis in der Jugi ist enorm: 35 000.-Lire + 10 000.-Lire für die Autofahrt. Dazu 2mal für 14 000.-Lire unnötig Bahn gefahren.

 

Samstag, 29. 12.

Zuerst schaue ich San Vito näher an. Es hat eine von Mauern und Wassergraben umgebene Altstadt. Ich kaufe Landkarten von Slowenien und Oesterreich. Nachher gehe ich zufuss die etwa 6 km nach Casarsa zurück. Wie ich im Bahnhof ankomme, sehe ich, dass es eine Bahnverbindung San Vito - Casarsa gegeben hätte. Die Bahn wäre sogar 2mal pro Stunde gefahren. Ich habe auf dem Marsch auf der schmalen, verkehrsreichen Strasse versucht, autostop zu machen, bin aber nicht mitgenommen worden.

Ich geniesse noch einmal die fahrt nach Triest: In der Ferne die Berge der Alpen, die Ebene mit den vielen Reben, Monfacone mit den Häfen, dann die Föhrenwälder an den Hängen, die später durch südliche Bäume abgelöst werden, die Hänge werden steiler und felsiger, dann die etwas breitere Ebene von Triest. Das Wetter ist aber schlechter als gestern. Kein klarer, blauer Himmel mehr. In Triest kann ich ein Billet nach Bled-Lesca lösen. Ein Bus fährt um 17:30 in die Grenzstadt Opicina. Dort ist der Bahnhof der slowenischen Bahn. Die Busfahrt ist sehr schön. Sie führt den Berg hinauf mit schöner Aussicht auf Triest. Vorher habe ich Triest ein wenig angesehen. Riesige, verfallene Hafengebäude zeigen, dass Triest einmal ein wichtiger Hafen war. Viele grosse Geschäftshäuser, etwa 100 Jahre alt, deuten auch darauf hin. Entgegen dem Hafen sind aber die Geschäftshäuser in noch gutem Zustand. Am Hafen ist ein Lunapark. Ich studiere die Karusselle. Sie sind gleicher Art, wie ich sie früher am Knabenschiessen gesehen habe, aber kleiner und einfacher. Ich gehe auf einem Steg ins Meer hinaus und mache einige Fotos.

Am Anfang der slowenischen Bahnfahrt, die sich so stark verzögert, dass ich bei der Dunkelheit schwer bezweifle, im rechten Zug zu sitzen, wird mein Pass 3mal kontrolliert, ohne Pass hätte ich (oder die Behörden in der Schweiz) ausserordentlich Schwierigkeiten erhalten. Zum ersten Mal nach langer Zeit erlebe ich wieder freundliche Bahnangestellte. Italienische Bahnangestellte sind ausserordentliche Minimalisten (In Triest konnte mir niemand sagen, dass ein Bus und nicht ein Zug zur Grenze fährt und wo und wann ich einsteigen soll, ich musste den Touristen-Informationsdienst finden, wo ich mühsam doch das wichtigste erfahren habe.). Der slowenische Kondukteur erklärt mir genau, wo und wann der Zug in Ljubiljana abfährt und wann ich in Lesce bin. Von der Fahrt habe ich nicht viel, da es dunkel ist. In Lesce warte ich lange auf einen Bus nach Bled. Schliesslich bringt mich ein Taxi nach Bled zur Jugi. Der Taxifahrer kann etwas deutsch. Ich erfahre von ihm und an seinem Verhalten, dass die Slowenen sehr geschäftstüchtig, aber auf eine angenehme, zuvorkommende Art, sind. Ihr Ziel ist möglichst rasch EU-Mitglied zu werden. So geben sie sich ausserordentlich Mühe, ihre Wirtschaft auf ein hohes Niveau zu bringen. Sie streben nach grossen Einnahmen, wollen dafür aber etwas bieten.

 

Sonntag, 30. 12.

Die Jugi hier ist sehr schön. Alles ist anders. Man merkt, dass die Slowenen sich Mühe geben, ihre Wirtschaft aufzukurbeln. Die Jugi ist den ganzen Tag und die ganze Nacht geöffnet. Es herrscht eine fröhliche Stimmung. Viele Junge sind hier. Die Schlafräume sind nicht nach Geschlechtern getrennt. Das Frühstück ist wie in einem grossen Hotel. Brot (endlich wieder Brot, nicht weisse, luftige "Brötchen"), Confi, Yoghurt, Flocken, Aufschnitt, Käse, Kaffee usw. "à discretion". Das Bett ist schon bezogen. Nach dem Essen wird vom Personal abgeräumt. usw. In ganz Slowenien ist es so: Die Preise sind nur wenig oder nicht tiefer als in der Schweiz; die Slowenen geben sich aber ausserordentlich Mühe, Qualität zu liefern. Die Löhne sind wahrscheinlich einiges tiefer - so kann für's gleiche Geld mehr Arbeitsleistung geboten werden. Die Leute sind sehr hilfsbereit und sprechen im allgemeinen gut englisch, manchmal auch deutsch.

Slowenien ist halb so gross wie die Schweiz und hat ca. 2 Millionen Einwohner, also etwa 1/3. Die Hälfte der Fläche ist Wald. In gewissen Gebieten sollen noch Luchse und Bären anzutreffen sein. Im Osten wird viel Wein produziert. Der höchste Berg ist etwa 2800 m. Die Berge sind sehr steil. Dazwischen sind auch sehr flache Gebiete.

Ich schaue zuerst die Umgebung an. Ich gehe an den See und zur Burg hinauf. Dann fahre ich nach Ljubiljana. Bald bin ich in der Altstadt. Es herrscht Feststimmung. An vielen Ständen werden Waren angeboten. Lautsprecher verbreiten klassische Musik. Die Altstadt ist an einem steilen felsigen Hügel mit einem Schloss drauf. Ich gehe zum Schloss hinauf. Dort sieht man schön auf Ljubiljana hinunter. Im Schloss ist eine Computershow (3dimensionale Videodarstellung) von der Geschichte Ljubiljanas zu sehen: Es bagann auch hier mit einer Pfahlbausiedlung. Im 4. Jahrhundert errichteten die Römer eine kleine Stadt mit Stadtmauer. Ljubiliana hat eine zentrale Lage durch die von drei Seiten zufliessenden Flüsse. Später wanderten die Slawen ein. Auf dem Hügel wurde eine Burg errichtet. Später kamen Stadtteile am Rand des Hügels dazu, die eigene Stadtmauern hatten. Ihre Bedeutung wurde grösser. Die Mauern schützten vor den Türken und am folgenden Bauernaustand (ca. 1300) vor den Bauern mit Erfolg. Später wurden die Mauern abgerissen und die Stadt wurde immer grösser. Ein Erdbeben vernichtete viele Häuser und machte Platz für neues. Der erste Weltkrieg brachte viel Not und Hunger. 1984 wurde Jugoslawien "befreit" und 1991 befreite sich Slowenien von den Jugoslawen. Es wurde nach 1000 Jahren Knechtschaft wieder ein eigener Staat, wie es nach der Einwanderung der Slawen war. - Die Darstellung der Geschichte war trotz modernster Mittel nicht besonders gut. Offenbar haben die Slowenen Mühe mit ihrer Geschichte, vor allem mit dem 20. Jahrhundert. Mir blieben viele Fragen offen, zu denen ich auch im nachher in der Altstadt gekauften Buch über Slowenien keine Antwort fand. Die ganaue Situation von Slowenien innerhalb Europa's Staaten wird nie klar dargestellt.

Auf dem Turm des Schlosses schaue ich dann auf Ljubiljana, das eine riesige Stadt fast rund um den Hügel herum ist. Ich sehe wenig Industriebauten. Nachher spaziere ich nochmals durch die Altstadt. Ich habe nie eine so grosse und vielfältige Weihnachtsbeleuchtung gesehen. Das Schloss wird abwechselnd in verschiedenen Farben beleuchtet. Ueber den Strassen sind Leuchtschlangen in verschiedenen Formen. Rund um die Plätze sind die Bäume mit blauen und grünen Lichtern geschmückt. Es wird viel für die Kinder geboten. Es herrscht eine einmalige Feststimmung.

 

Montag, 31. 12.

Am Morgen stehe ich früh auf. Ich spaziere an den See. Im Gegensatz zur Umgebung ist das Wasser im See nicht gefroren. Es ist kein Mensch zu sehen. Ich bade und schwimme ein wenig im See (das erste Mal in meinem Leben bei Temperatur unter 0 Grad).

Nach dem Frühstück  erhalte ich ein Heft mit Wanderungen und gehe auf die einzige Wanderung, die in Bled beginnt. Sie führt zum Sporthotel auf ca. 1300 m Höhe und ist mit 4,5 Std. angeschrieben. Vorher wechsle ich noch Geld und kaufe einen neuen Film. Ich gehe um 10:30 auf die Wanderung. Sie führt zuerst Waldstrassen hinauf, dann über Wiesen mit Wochenendhäuschen, dann beginnt ein steiler Fussweg. Zuerst hat es noch Spuren im Schnee, bald aber nicht mehr. Je nach Lage liegt 5 - 20 cm Schnee. Manchmal muss ich den Weg umgehen, weil er zu steil ist und zuviel Schnee hat. Fast immer geht's im Wald und nur einmal, weit abseits des Weges, sehe ich ein wenig auf Bled hinunter. Der Weg wird immer mühsamer, steil hinauf und steil hinunter. Weiter oben wird's flacher, aber es liegt umso mehr Schnee. Runde Wegzeichen an den Bäumen, weisse Kreise in roten Ringen, zeigen den Weg, sonst wäre dieser nicht zu finden. Manchmal muss ich auch wieder zurück, weil ich den falschen Weg gegangen bin. Nach mühsamen 6 Stunden komme ich beim Sporthotel an. Ich habe mir anfänglich vorgestellt, das Sporthotel sei an schönster Aussichtslage. Da habe ich mich aber getäuscht. Viele Wochenendhäuschen und eine Pension sind in der Nähe. Auch ein kleiner Skilift mit Piste und eine Loipe. Aber rundum Wald, keine Aussicht, nichts. Da es schon dunkel wird, gehe ich der Strasse entlang zurück und mache im Wintersportler-Verkehr hoffnungslos autostop. Nach 1 - 2 km werde ich bis zur nächsten Kreuzung mitgenommen. Dort steigt aber die Frau des Fahrers aus und frägt einen andern Automobilisten, ob ich mitfahren dürfe. Ich darf mit dem ungarischen Paar bis Bled mitfahren. Erst auf dieser Fahrt merke ich, wie weit ich von Bled entfernt gewesen bin. Am Abend schlafe ich ein wenig bis 23:15. Dann gehe ich auf die andere Seite des See's wo ich die vielen privaten und um 0:00 das grosse, wunderbare Feuerwerk nahe beim beleuchteten Felsen, auf dem das Schloss steht, bewundere. Um 0:45 gehe ich endgültig ins Bett.

 

Dienstag, 1. 1. 02

Ich stehe relativ spät auf. Beim und nach dem Frühstück spreche ich mit M., die im gleichen Zimmer schläft. Sie besucht die Kunstgewerbeschule in Genf und möchte ev. Mal- oder Tanztherapeutin werden. Ihr Freund arbeitet für eine französische Organisation in Kambodscha, wo nach fast ewigem Krieg seit 2 Jahren Frieden herrscht. Dort haben viele Menschen Hunger. Die Organisation betreut Kinder, die in Abfallgruben Abfälle getrennt einsammeln und für fast nichts verkaufen. Die Organisation ermöglicht den Kindern Schulbesuch und gibt den Eltern Reis, damit sie auf die "Einkommen" der Kinder verzichten können. Sie betreut auch Waisenkinder. M hat nach dem 2. Jahr der 4 Schuljahre eine einjährige Pause eingeschaltet. Sie hat in einem Heim für geistig Behinderte und psychisch Kranke gearbeitet. Wir haben über Behindertenprobleme, Materialismus usw. diskutiert. Sie meint, dass es etliche Jugendliche gäbe, die eine weniger materialistische Welt aufbauen wollen, gibt aber zu, dass dies heute schwierig wäre. Im Heim, wo sie gearbeitet hat, sind sie jede Woche mit den Bewohnern auf den Markt zum Einkaufen gegangen. Nun wird aber wie überall gespart, das Personal wird reduziert und solche Aktivitäten sind in Gefahr.

Nach dem langen Frühstück schreibe ich am Tagebuch. Am Nachmittag wandere ich durch Wälder und dem See entlang. Irgendwie haben die Slowenen beim Einrichten der Wanderwege keine glückliche Hand. Oft ist nur schwer auszumachen, wo es weitergeht. Es hat keine Aussichtspunkte, trotzdem die Landschaft dazu geeignet wäre. Der See ist schön, aber stark touristisch "erschlossen".

 

Mittwoch, 2. 1.

Ich fahre am Morgen nach Villach, bringe mein Gepäck dort in die Jugi und kaufe am Bahnhof 2 Zeitungen: eine von der Region Villach und eine Wiener Zeitung, nachdem ich das erste Mal in meinem Leben Euro's gewechselt habe. Ich brauche österreichische Währung und wollte nicht noch Schillinge einhandeln. Der Andrang ist sehr gross, es ist der erste Tag, an dem Euro's in bar herausgegeben werden. Ich finde fast keine Stelleninserate und kaufe noch 2 Zeitungen. Nicht viel mehr und schon gar nichts in meiner Branche. Ich schaue die Oesterreicher Karte genauer an und vergleiche die Grösse der Städte. Dabei stelle ich fest, dass Oesterreich offenbar nur aus Wien besteht und beschliesse, morgen nach Wien weiterzureisen. Ich plane, nachher via Prag in das Gebiet von Berlin weiterzufahren, falls in Wien nichts zu finden ist.

Von heute an brauche ich die meiste Zeit zum Stellen suchen und norwegisch lernen (Ich konnte das gleiche Norwegisch-Lehrbuch, das ich in der Schweiz gekauft habe, auch wieder in Wien (übermorgen) kaufen.) Darum wird mein Tagebuch ab jetzt kürzer.

 

Donnerstag, 3. 1.

Ich wandere weit hinaus an den Stadtrand von Villach, um autostop zu machen- Da die Autofahrer hier nicht gut anhalten können, gehe ich der gleichen Strasse entlang wieder zurück bis an einen geeigneten Platz. Dort versuche ich es eine Stunde lang absolut erfolglos. Ich gehe zum Bahnhof und fahre nach Wien. Auf der Fahrt werden alle Pässe und Ausweise genauestens kontrolliert, trotzdem wir uns innerhalb Oesterreich und EU befinden. (Wenn ich nicht im letzten Moment doch noch einen Pass erhalten hätte, wäre ich kaum durch Slowenien gereist, jedenfalls nicht durch die Grenzübergänge. Dann wäre ich also hier hängen geblieben.) Ich gehe zur Jugi nahe dem Stadtzentrum und plaudere mit Ralph. Er kommt von Esslingen und rät mir, im Raum Stuttgart Arbeit zu suchen, weil dort die kleinste Arbeitslosigkeit von Deutschland ist und die Maschinen- und Autoindustrie sehr stark sind. Er rät mir, die Samstag-Zeitungen zu kaufen - sie haben die meisten Stelleninserate.

 

Freitag, 4. 1.

Zuerst gebe ich ein Stelleninserat für Montag auf. Dann kaufe ich das Buch um norwegisch zu lernen. Dabei komme ich an den bekanntesten Häusern von Wien vorbei, der Burg, dem Stefansdom, der Oper und durch's Museumsquartier. Ich staune über die Grösse und den Reichtum. Aber es ist mir zuviel.

Ich spaziere quer durch die Altstadt zum Prater, wo aber kaum etwas in Betrieb ist. Ich bestaune das alte, vernietete Hochrad, dessen "Felge" nur mit Drahtseilen mit der Nabe verbunden ist. Nachdem ich am Prater vorbeigegangen bin, biege ich vor der Trabrennbahn nach links bis zur Donau, wo ich die anliegenden Schiffe ansehe. Es bläst stark und ist kalt hier. Nachher gehe ich wieder quer durch die Altstadt zurück zur Jugi.

 

Samstag und Sonntag, 5. + 6. 1.

Am Samstag Morgen früh hole ich verschiedene Zeitungen am Bahnhof, kann aber nur 2 brauchbare Inserate finden. Ich spaziere jeweils durch die Stadt und brauche viel Zeit zum norwegisch lernen.

Ich besuche das neue Architektur-Museum. Es erschüttert mich gar nicht. 2 Ausstellungen sind zu sehen. Die erste Ausstellung zeigt Werte, die bestehen und zuwenig Beachtung finden: so u.a. eine etwa halbstündige Abhandlung über kleine "Brücken" wie Brücke, Treppe, Sprungturm, Geländer usw.. Die Ausstellung bestätigt meine Erkenntnis aus der Technikerschule: Es ist nicht wichtig, was man macht, sondern wie man darüber schreibt. Die 2. Ausstellung zeigt neue Bauten, vor allem aber Ergänzungs- und Umbauten. Sie wäre sicher interessant, ist aber sehr schlecht dargestellt (etwa 2 Abbildungen und eine Zeichnung pro Bau).

Eine Grippe macht sich bemerkbar, die bis heute, da ich dies schreibe (12. Januar) immer stärker wird.  Eine Wanderung: Spital - Uni - Augarten - Prater - Altstadt - stadtauswärts Richtung Südsüdost - Jugi.

 

Montag, 7. 1.

Ich besuche 2 Stellenvermittlungsbüros in der Nähe und melde mich an. Ich rufe auf das erste Inserat vom Samstag an und schicke einen Fax mit Bewerbung. Das 2. Inserat hat nur eine Internetseite als Adresse, keine Tel. Nr.. Ich kann die Seite nicht öffnen. Es ist eine neue Firma, die in Oesterreich ein neues Telekommunikationsnetz aufbauen will. Ich montiere die in Villach gekaufte österreichische Natelkarte und rufe V. an, um ihr die neue Nummer anzugeben. Sie verspricht mit M zu sprechen, ob doch eine Möglichkeit bestünde, dass ich in den Kosovo ziehen könnte. Ohne eine Bezugsperson möchte ich nicht dorthin. Dann gehe ich zur Firma des 2. Inserats:

Das Gebäude: Ende 19. Jahrhunder wurde in Wien eine Stadtgas-Anlage gebaut und 1899 als Europa's grösste Anlage eingeweiht. Dazu wurden 3 Gasometer gebaut. Sie sind aus Backsteinen gebaut und haben einen Innendurchmesser von 65 m. Unten sind die Mauern etwa 2 m dick (Schätzung). Die schweren Stahldächer konnten nicht nachträglich aufgesetzt oder oben zusammengebaut werden. Darum wurden sie vor den Wänden erstellt und mit den wachsenden Mauern gehoben. Von den 1980er Jahren an wurde Erdgas nach Oesterreich eingeführt und das Stadtgas wurde nicht mehr gebraucht. In den letzten Jahren wurden Häuser in die Gasometer hineingebaut, die eben erst eröffnet sind und noch lange nicht alle gebraucht werden. Unten sind Parkgaragen, auf dem 1. - 3. Stock ist ein Einkauszentrum. Dann folgen Büroräume und darüber Wohnungen. Die Dächer der Gasometer sind aus Glas. Die Häuser sind z.T. kleiner als die Gasometer, sodass zwischen den Fassaden Platz bleibt für Sonnenbestrahlung, Lüftung usw. Während die Gasometer sehr hohe Fenster haben, haben die Häuser darin viel niedrigere Stockwerke. So stimmen die Fenster der jeweils 2 Fassaden nicht überein und der Lichteinfall von oben durch die Glasdächer ist sehr wichtig.

Die Fa. Hutchison 3G ist nun also im Bürotrakt. Alles ist improvisiert. Sie haben noch keine Büromöbel, nur Böcke mit Tischplatten. Ueberall stehen Computer rum. Ich bewerbe mich. Später kann ich die Internetseite doch öffnen. Ich sehe dann, dass ich keine Chance habe.

 

Dienstag, 8. 1.

Heute bin ich 1 Monat unterwegs. Auf mein Inserat ist keine Antwort gekommen. Ich lerne Norwegisch und spaziere wenig durch die Stadt. Ich suche das Filmmuseum auf, dies ist aber kein eigentliches Museum, sondern ein Kino für alte Filme. Der Film heute Abend interessiert mich nicht. Ich gehe zum Leopoldmuseum mit der Ausstellung "sehen", aber es hat heute geschlossen.

 

Mittwoch, 9. 1.

Ich bleibe unerwartet einen Tag länger in Wien, weil ich noch eine Vermittlungsstelle erfahren sollte, wo ich mich als Hotel-Hausmeister bewerben kann, was aber nicht funktioniert. Wie ich wieder einmal neuen Hustensirup kaufe, laufe ich zufällig ans Arbeitsamt. In einem Computer kann ich offene Stellen suchen. Ich finde einige für Hotel-Hausmeister und 2 für Mechatroniker. Die Hausmeisterstellen sind schon besetzt oder die Leute wollen Jugoslawen. Die erste Mechatroniker-Stelle ist nur für Leute mit Erfahrung.

Bei der 2. Stelle habe ich zuerst Mühe, telefonisch durchzukommen. Schliesslich werde ich mit dem Chef vermittelt. Dieser begrüsst mich freundschaftlich, weil er mich mit einem andern Herrn Oswald aus der Schweiz verwechselt. Er lädt mich ein, vorbeizukommen. Da die Firma schwer zu finden ist, fahre ich mit dem Taxi eine halbe Stunde an Wien's Stadtrand hinaus. Die Fa. plant, entwickelt und verkauft Messgeräte. Sie besteht aus 5 Mitarbeitern und gehört einem Europäischen Konzern an. Meine Aufgabe wäre, beim Service und der Entwicklung mitzuwirken. Sie zeigen grosses Interesse, mich einzustellen, können aber angeblich nur € 1350.- Brutto-Monatslohn zahlen. Dies würde mir hier zu einem einfachen Leben kaum genügen. In Oesterreich soll es Subventionen für die Einstellung über 50jähriger geben, und der Chef will sich erkundigen, ob er so den Lohn erhöhen kann. Da ich Ausländer bin, ist dies aber kaum zu erwarten. Wir geben einander noch bis Ende Januar Bedenkfrist. Nachher wandere ich in 2 Stunden wieder in die Jugi zurück.

 

Donnerstag, 10. 1.

Ich sehe ein, dass die Lage sehr aussichtslos ist und fahre nach der seinerzeitigen Empfehlung Ralphs nach Stuttgart. Auf der Fahrt lerne ich etwas norwegisch, am meisten ruhe ich mich aber aus oder schlafe, da die Grippe immer stärker wird.

 

Freitag, 11. 1. 02

Ich gehe auf's Arbeitsamt und durchsuche den Computer eine halbe Stunde (max. erlaubte Zeit pro Tag). Ich finde viele Mechatroniker- und drei Autosattlerstellen. Die meisten Angebote verlangen schriftliche Bewerbungen. Ich suche 2 Stellen auf. Es sind Vermittlungsbüros. Die Stellenangebote sind scheinbar nur Lockvögel, ohne dass irgendeine Arbeitsmöglichkeit damit verbunden ist. Ich muss grosse Formulare ausfüllen und viele Fragen beantworten. Nachher versprechen die Angestellten der Vermittlungsbüros, sich zu melden, falls sie einmal eine Möglichkeit sähen. Ich falle noch auf viele solche Vermittlungsbüros herein, erhalte jedoch nie Antwort. U.a. gehen so alle angeblichen Autosattlerstellen drauf.

 

Hier hört mein Original-Tagebuch auf und ich schreibe noch das Wichtigste aus Erinnerung. (Es ist heute übrigens 6. Oktober 2005.) Ich verzichte auf die Angabe von Datum, da ich mich nicht mehr so genau erinnere.

 

Am Samstag kaufe ich wieder Zeitungen und durchsuche sie. Am Sonntag spaziere ich durch die Innenstadt Stuttgart's, die ich immer besser kennen lerne. Ich besuche eine Ausstellung über Afghanistan, seine Kultur und die verschiedenen Anstrengungen, diesem Land nach den langen Kriegen beim Aufbau zu helfen. Ich nehme eine Liste mit entsprechenden Organisationen mit.

Von nun an gehe ich jeden Tag möglichst früh, vor dem grossen Ansturm, ins Arbeitsamt, um die erlaubte halbe Stunde auszunützen. Ich richte mich ein wenig bürokratisch ein, gebe viel Geld für Kopien usw. aus und verschicke ca. 80 Bewerbungen. In der Jugendherberge sind noch verschiedene junge Leute, die Stellen suchen. Manchmal finden sie Stellen zu einem äusserst minimalen Lohn.

 

 

 

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 06. december 2015

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